Begegnungen in Afrika

"Ich werde nie diese Nacht vergessen, die Nacht, welche das neue Jahr 1850 anfing, in dessen Verlauf wir so manche schwere Prüfung bestehn und durch Ausdauer uns des Erfolges würdig machen sollten." Heinrich Barth

Was der deutsche Afrika-Forscher Heinrich Barth in der Einleitung seines Buches "Die große Reise: Forschungen u. Abenteuer in Nord- u. Zentralafrika" schrieb, gehört zu den Grunderfahrungen, die Afrika-Reisende immer wieder machen. Selbst wenn sie nur aus Neugier diesen Kontinent entdecken wollen, bleibt irgendwann ein Ereignis haften, das sich tief in das Gedächtnis einschreibt. Ob es eine Nacht unter glasklarem Sternenhimmel ist, eine köstliche Fischmahlzeit, eine überaus anstrengende Tagestour im Dauerregen, oder ob es Menschen sind, deren Verhalten einem so fremd ist, dass man kein rationales Verhältnis dazu findet, der Kontinent lässt einen nicht in Ruhe. Er fordert heraus und ist nicht ein Ort für einen erholsamen Urlaub.

Meinen ersten Schritt auf den afrikanischen Kontinent machte ich in Ägypten. Von Kairo Nil-aufwärts fuhr ich in Dahab mit einem Kutscher, der erbarmungslos auf seine Pferde peitschte, um mich zu einem alten Kloster zu bringen. Seine Brutalität gegenüber dem Tier stach ins Herz, doch selbst strenges Zureden war vergeblich. Mehr jedoch blieben mir Menschen in Erinnerung, deren Zuwendung, Musikalität, Erfindungsreichtum, Heiterkeit und Gelassenheit mich immer wieder überraschte.

Bei meinem Besuch in Homa Bay am Viktoria-See tanzten täglich Kinder und Erwachsene vor einem Schallplattenladen nach den Rhythmen der neuesten Highlife-Musik. Ihre Lust und Intensität, mit der sie sich der Musik bei brütender Mittagshitze hingaben, nahm mich regelrecht gefangen. Nicht weniger Eindruck hinterließ eine kurze Begegnung mit den Pygmäen von Itandi im Regenwald von Uganda, nahe der Grenze zum Kongo. Mit hellen Stimmen erzeugten sie sphärische Klänge, wie ich sie zuvor nie erlebt hatte. Auch der Urwald rundherum schien ihnen zuzuhören. Nur das Rauschen der Blätter und Zweige fügte den polyphonen Gesängen weitere Stimmen hinzu.

 

Auf dem Tana-River wurden mein Freund Werner und ich von Dade Abawolu sicher an Krokodilen und Hippos vorbei von Garissa bis zur Flussmündung gebracht. Wortlos und nur durch Zeichen konnten wir uns mit dem einheimischen Bootsführer verständigen. In drei Tagen entstand ein kleines, schweigsames Vertrauensverhältnis mit gegenseitigem Respekt und Dankbarkeit. Als Großstädter muss man nicht nach Afrika reisen, um Natur zu erleben. Gleichwohl möchte ich eine Nachfahrt mit der Dhau von der Insel Pate zur winzigen Insel Kiwayu im indischen Ozean nicht missen. Um Mitternacht legte unsere kleine Segeljolle ab, hinaus aufs offene Meer, dessen Wellenkämme von Glühwürmchen angestrahlt wurden, bis schließlich nur noch die Schatten ferner Eilande zu sehen waren. Irgendwann am frühen Morgen erreichten wir Kiwayu - damals eine einsame Idylle zum Träumen.

Meine Bilder sind Zeugnisse zum größten Teil aus den 70-er bis 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Armut, Unterentwicklung und Ausbeutung sprangen mir vielerorts ins Auge. Der Mann, der einen schweren Sack voller Nägel auf den Bus hievt, leistet regelrechte Sklavenarbeit. Die junge Mutter, die ihre Zigarette inwendig raucht, tut das, weil sie sich einen teuren Zigarettenkonsum nicht gestatten kann. Der Zustand der Straßen war und ist auch heute noch oft so erbärmlich, dass das Fortkommen von einem Ort zum anderen nur mit Mühe und Not zu bewältigen ist. Und auf den Straßenmärkten von Mombasa oder Nairobi kann man ebenso aktuell Händlerinnen und Händler erleben, die gerade mal ein paar Kleinigkeiten anbieten, um ihr Überleben zu sichern.

Für mich dokumentieren die Fotos unvergessliche Ereignisse. Sie bilden nicht nur die Menschen ab, die von meiner Kamera festgehalten wurden, sondern stets auch mein persönliches Verhältnis dazu, wie fern oder nah ich, der reisende Europäer mit all seinem Vorverständnis, den Menschen begegnete.